LIVEBOAT CHAPTER V

Ein Plastique Fantastique Projekt mit Hadmut Bittiger →plastique-fantastique.de

Liveboat – Chapter V thematisiert die andauernde Flüchtlingstragödie vor den Grenzen Europas und bietet einen Ort für Kommunikation und Diskurse. Ein überdimensioniertes Flüchtlingsboot, das aus einer transluzenten Membran besteht, strandet nach langer Odyssee auf dem Tempelhofer Feld. Im Inneren des Bootes sind Erlebnisse von Betroffenen zu hören. Zitate aus Homers Odyssee verweben diese Impressionen zu einem Klangteppich.

Ausgehend vom Interesse am Schicksal von Flüchtlingen beschäftigt sich die Installationskünstlerin Hadmut Bittiger seit langer Zeit mit der Situation der Menschen, die auf der Flucht waren und in Berlin gestrandet sind. Die Suche nach Betroffenen, die bereit waren, ihr sehr persönliches Schicksal im Gespräch preiszugeben, geriet zu einer Odyssee durch viele Stadtteile Berlins. Die meisten Flüchtlinge hatten erst vor Kurzem mit Booten, Fesselballons oder zu Fuß den gefährlichen Weg nach Deutschland unternommen.

To be a refugee is not something that anybody selects. No, in just one day you can be a refugee. To be in this condition we have today, no right to job, no right to everything, people of society are fighting because of us. They don´t want do see us, so people are saying send them back, so people are saying they take their job, so people are saying they are criminal, also people who don´t know … it can be happen to anybody …. The Germans can think back, it´s not their choice, what happened to Germans back, they find themselves in this condition. They have to remember back, what has happened, because it is not anybody’s choice, to be a refugee. Some lost their parents, some lost their family, some they have nobody anymore, some lost their kids, everybody lost what they worked for for many years, they lost their house they built for many years, you see, this is something that is supposed to be clear to anyone. Because it is not our choice to be as we are today.
The war in Libya 2011 … so we have the bombing from the NATO, and we are arrested by the military and we are forced to come to Europe. I don´t know the situation in Europe. I don´t know what is going on here, I come to Europe by force. They put me in the boat to Italy and we spent six days in the sea. After six days, our boat was „kaputt“, almost 400 people die. Our boat staying on one place in the sea and we stayed there for one day, we are turning around inside the sea for five days and we come on one place, our boat staying in one place, no move, so we sleep there, we stayed there for one day and some people in the boat they are already mentally and somebody is jumping inside in the water, he dies, and some people they have no water, no food, people dying inside the boat. Like me, I am in underground really with my friends and after the boat is „kaputt“, we decide to come off, and we come off, we took some air and we looked around how to survive, there is no any help, but we see one small boat, they catch fish and we explained to them our situation and he immediately call the police from Italy and the Italian rescue is coming with a big ship and a small one because the big ship cannot come near our boat and they bring three boats, small one and they come to our boat, they start from children and women, taking to the big ship and they come back taking to the big ship. People they are approaching, everybody want to survive … everybody want to survive, and the boat is up, down, up, down, so just one time, the boat is „ kaputt“, so, I don´t know where, how, I just see myself on top of the boat with some people. I look to my front, I see a lot of people inside water, because the water is clear, is really clear water and I see a lot of people they already die inside the water, I see the people they try to survive, I see many people inside the water, I just immediately passed the boat and I stand there like twenty minutes and in this time, the police see, this boat is “kaputt” and the police run away, because if the police is staying there, even the police die. That’s why the police run away from the ship. After 20 minutes the police come again continue taking people that are not dying and I am inside, and I go to the police boat and they taking me to the ship and we arrived to Lampedusa.
Ich bin Palästinenser aus Syrien und Damaskus und kam aus dem Flüchtlingslager Yarmuk, meine Frauen sind in dem Lager Al-Sabinah. Ich bin alleine hier in Deutschland jetzt. Meine ganze Familie, meine Frauen, meine Kinder, mein Bruder, meine Schwester, meine Mutter, alle sind in Syrien. Ich kam mit dem Flugzeug alleine hierher nach Deutschland über Libyen und Italien. Es gibt in Syrien zu viele Probleme, große Probleme in Syrien jetzt. Alle sind tot, kein Haus … kein Haus . keine Lager Al- Sabinah und Yarmuk … alles weg … alles kaputt. Es gibt zu viele Tote, Kinder tot, Frauen tot. Und auch in Ägypten, Kinder, Frauen, Männer … Ich weiß nicht, zu viele Probleme jetzt … Entschuldigung.
Meine Eltern und mein großer Bruder haben gearbeitet und mir Geld gegeben. Ich komme aus dem Tschad, dort hatte ich nicht begriffen, ob Europa gut oder schlecht für mich ist, das hatte ich nicht verstanden. Aber ich habe selber gesehen, wie schlecht das Leben im Tschad ist und deshalb habe ich gesagt, ich gehe nach Europa, um zu sehen, wie es dort ist, ja. Wir kamen aus dem Tschad nach Libyen mit dem Auto, nach fünfzehn Tagen sind wir in Libyen angekommen. Sieben Monate bin ich in Libyen geblieben, ich habe gearbeitet und ein bisschen Geld für das Boot verdient. Wir waren drei Tage auf dem Boot, dann sind wir in Italien angekommen. Aber in Italien war es nicht gut, denn ich habe dort die Papiere nicht bekommen, deshalb bin ich nach Deutschland gekommen. Aber sie haben mir hier kein Asyl gegeben. Ich bin hierher nach Berlin gekommen und es gab keine Unterkunft und nichts. Die Leute von der Kirche haben uns in einem Haus untergebracht. Wir schlafen nun gut, wir haben zu essen, das ist gut, alles ist nun gut, ja. Ich bin gerne in Deutschland und wenn ich hier die Papiere habe, dann ist es gut, aber ich spreche kein Deutsch, ich bin erst acht Monate hier.
Alle Europäer wussten, dass wir mit dem Boot gekommen sind, aber sie hören nicht auf nachzufragen und das bringt nichts. Seit vier Jahren fragen sie laufend, wie seid ihr hergekommen, was habt ihr erlebt oder so was. Mit all dem haben wir bis heute nichts gewonnen, nichts Gutes kam raus um weiter zu kommen, denn man will uns nicht helfen. Das bringt nichts.

Ich bin syrischer Flüchtling und Tänzer. Das Leben in Syrien war durch den Krieg nicht zu ertragen und da ich Kinder habe, musste ich mit meiner Familie fliehen. Wir sind in den Libanon geflohen, dort musste ich meine Familie zurücklassen, da der Weg nach Europa gefährlich ist. Von dort bin ich weiter in den Sudan, drei Tage blieb ich da, um dann mit dem Fahrrad nach Libyen zu fahren. Von Libyen ging es mit einer Gruppe von einundzwanzig Leuten zu Fuß weiter durch die Sahara. Wir waren sieben Tage unterwegs. Nach München kam ich dann mit dem Boot. Meine Familie lebt jetzt im Libanon von Spenden und mit Hilfe der UN. Ich lerne nun Deutsch, damit ich arbeiten kann und hoffe, dass alles klappt und meine Familie nach Deutschland kommen kann.
Ich bin aus Syrien geflohen, weil ich in die Armee musste. Es gibt dort zwei Armeen, eine für den Präsidenten und eine gegen den Präsidenten und ich weiß nicht, welche die richtige ist. Mein Vater hat sein Haus verkauft, um Geld für den Schlepper zu haben. Von Syrien in den Libanon bin ich mit dem Auto gefahren. Dann in der Türkei bin ich in den Heißluftballon gestiegen. Als wir in der Luft waren, ist er in zwei Hälften geplatzt, zwei Stunden vor der griechischen Küste. Als der Ballon geplatzt ist, sind die Leute ins Wasser gefallen. Die Wasserpolizei kam, nahm uns fest und brachte uns zur Insel Kos. Ich und mein Freund sind geflohen, denn wir wollten keinen griechischen Stempel. Von Griechenland nach Mazedonien gingen wir zu Fuß, dann über Budapest nach Deutschland. Eigentlich wollte ich von Libyen nach Deutschland kommen, aber auf diesem Weg ist mein Cousin gestorben. Der Weg ist gefährlich. Die Schlepper dort sagen, das Boot ist groß, aber es ist klein, sie lügen und sie nehmen viel Geld. Ich empfehle den Leuten die nach Europa wollen, nicht von Libyen zu fahren, das ist sehr gefährlich.
Ich heiße Darwish Saana, bin aus Beirut, habe Krieg erlebt, das war der Bürgerkrieg zwischen Moslems und Christen 1978/79 und habe leider zwei meiner Brüder verloren, die haben sie vor meinen Augen erschossen, meine Cousine ist auch gestorben, weil keine medizinische Versorgung da war und meine sechs Cousins sind auch leider im Krieg gestorben, meinen Vater haben die misshandelt, verprügelt und die wollten ihn auch töten, Gott sei Dank hatten wir jemand, der uns geholfen hat, sie haben ihn dann gelassen und wir sind danach zu meinem Opa nach Suur, Tyros geflüchtet und da waren wir bis Anfang 1979 und dann fing der Krieg wieder an und dann sind wir nach Berlin geflüchtet. Ja, das war‘s.
My name is Tarek, I am 26 year old and I came from Syria. I go to Qatar for work, for searching for a new life, I worked there three years. The problem is that I cannot go back to Syria and I have to searching for another place to stay to be in safety and searching for a better life, to have my chance in this life. I decide to come to Europe. My target was Germany, because there are more chances, more than in other countries to have work, to have a normal life. My trip start from Turkey. In Istanbul, me and my friend we met someone who will gonna help us to come to Germany here, we payed for him money, 5000 Euros, we don´t know him, he brings us to the border between Turkey and Bulgaria and he left us there and he told us the direction we are gonna go, straight after two or three kilometers somebody will catch us to take us to the Capital of Bulgaria. But after we stayed there, nobody come to help us and we got lost, we stayed in the forest three days without food, without water, without nothing. We have been five persons, three from Iraq, me and my friend, we came together, we were lost in the forest and we start looking for somebody who will gonna help us, just to survive, you know. We found some people who are caring about the forest. They put us in one village and they call the Bulgarian police. They catch us and they take us to one of the police offices, they keep us one night, we stayed there, we got our fingerprints, they put me in the prison two months, I mean in the jail, but I mean, I am not criminal, I didn´t do anything, all I do I come just to survive, I am looking for life. They hitting us, killing us, punch us, they make it as a business, we have to pay money to give us our freedom. And one of the days we decide to stop eating. We stopped eating for five days. After we start to fall down, the people who are protect us, they don´t call the ambulance, they don´t help us, we go to the police, we go to the nurse and she told us: “ go … go to Europe, it´s not our business, if you get sick“. And after that, I just give up. I called the Red Cross, I called someone in the Human Rights and I called Bulgarian TV , we told them our story that we are facing something bad here, but nobody help us, and they told us, that if you keep protest like that, we gonna send you back to Syria all of you. We start to have fear because we don´t come here to stay in the jail, we run out from our countries because there is somebody killing us and we escape, we come here just to have a new life. So the people are calm down and we stopped to protest anymore, we decide to pay for them to let us go out. We paid for them and they just put us in the streets, no houses, no nothing. We have to find a place by ourselves to stay. We don´t speak the language you know, we are nothing there, because we have nothing, we have no documents, we have nothing. After that, we decide to escape from Bulgaria, me and two of my friends. The first time, we escaped from the Serbia side. We found someone who said he gonna take us to Serbia. We paid for him 300 Euros. But he was dealing with the police. Before Serbia five kilometers, they catch us … the police, they put us in a police point, the border point between Serbia and Bulgaria. They start to talking like, they put us in the jail for ever. They put us in two rooms. We have been six persons, each three in one room in the jail, there is no bed, just on the ground. It was very cold. I start to bring the memories of my life, the bad and the good ones, that, they gonna put us in the jail for ever, I lost, it´s the end I thought. After 24 hours I called them just to ask for what will gonna happen with us. We gonna stay here, they send us to the jail, I don´t care, just take me out. The room without window. It was very dark, it was really very terrible. I felt there like I am under the ground, something like that. One of the guys, who was with me in the room, he has a rope in his underwear. He take it out and start to hang himself. We called the police, to come to cut the rope, to help him. They wait 20 minutes, they come with a knife, they are afraid to cut the rope. We take him out to breathe. I don´t know, they got our bags, throw it in the streets like this: Go! It´s like that … where we gonna go. We have no place to stay again, we came back to Sofia just looking for a new place, for another house to stay. We signed on the papers, that we, if we escape again, that they gonna put us in a jail fifteen years. The next time, we tried to escape it was after we enter to one of the village on the border between Serbia and Bulgaria. The Serbia Police, they catch us. After five hours investigation with them, they send us back to Bulgaria and the Bulgarian Police, it´s like a welcome way for the Bulgaria Police, they punched me in my eyes, and they start to hit me, not only me, all of us, they start to hit us, punch us, attack us, lot of things and they put gloves like a cross on the wall, 24 hours we didn´t sleep. And every time, we asked, they punished us, they hit us. After 24 hours from this stuff they do with us, also they released us and we go back to Sofia. After that, we find someone, who helped us, we just meet him there and we paid for him money, 1000 Euro. He bring us here, we enter to Serbia, from Serbia to Croatia, from Croatia to Slovenia, then to Italy and France, then I came here.
Die Geschichte wiederholt sich. Man hat mich gefragt, was ich mir als Flüchtling wünsche wenn ich in ein Land komme, so wie jetzt in Deutschland. Da sind deutsche Gesetze, dass die Flüchtlinge hier hin kommen können, obwohl sie sehen, dass die Bevölkerung so dagegen ist, einige sind dafür, einige dagegen. Was machen wir mit den Flüchtlingen. Sie sind bereits da, und die Regierung ist so in eine Hektik, in eine Unruhe gekommen, ach wohin, wohin, was sollen wir da machen. Ich glaube, dass eine Menge ausgebildeter Menschen da sitzen. Damals, als wir aus Bosnien kamen, da gab es ausgebildete Leute mit Studium, Doktor, Ärzte, Magister, also Leute von hohem Niveau. Die waren da und wir durften nicht arbeiten. Wenn man gleich mit etwas beschäftigt ist, wenn man zeigen kann, dass man Werte hat, dann schafft man das alles viel besser, als die Leute, die zwei Jahre zu Hause sitzen, sie werden immer nur kränker.
Ich möchte nicht sagen, was im Meer passiert ist. Für die Leute, die nach Deutschland kommen ist es sehr gefährlich und schwer. Wenn einer nach Deutschland kommt, muss er viele Länder durchqueren. Es gibt viele Tote, Vermisste, die Gefängnisse sind voller Frauen und Kinder. Das alles in den arabischen Ländern wie Libyen und Ägypten. Das Boot, auf dem ich war, war nur für 30 Menschen gedacht, aber gefüllt war es mit 100 Personen. Das ist nicht wichtig für die Schlepper. Sie denken nur ans Geld, die Toten sind nicht wichtig. Wenn diese Schiffe fahren, beginnt das Leiden. Kein Essen, kein Wasser, kein gar nichts … warten. Von zehn Booten kommt nur eines an. Es gibt Tote im Schiff … Totenschiffe.
Die sind geflüchtet, da waren die vierzehn oder fünfzehn, die haben ja gar keine Vorstellung vom Leben, vom Arbeitsleben. Es gibt sehr viele, sehr junge Flüchtlinge, die von ihren Eltern einfach losgeschickt wurden, um gerettet zu werden, oder um eine besseres Leben zu haben und teilweise sollten die ja auch in Libyen arbeiten für die Familie. Die waren ja alle beliebte Saisonarbeiter sozusagen und als Gaddafi gestürzt wurde, waren sie auf einmal Staatsfeinde und dann wurden die ja teilweise auch mit Gewalt auf die Schiffe gebracht, also es sind ja durchaus nicht alle freiwillig geflohen. Natürlich, man hat Angst, wenn man sieht, dass neben einem und in der Stadt Leute sterben, dass es so viel Gewalt und Auseinandersetzungen gibt. Da möchte man nicht bleiben, man sehnt sich nach einem besseren Leben. Die wollten einfach weg aus der Gewalt und aus dem Elend. Geschafft haben sie das nur teilweise. Chancen, hier zu bleiben haben sie offiziell gar keine, weil sie ja zum größten Teil abgelehnt wurden vom Innensenator. Aber die Kirche möchte ihnen eine Chance geben. Sie verhandelt mit dem Senat, dass sie eine Duldung bekommen, damit sie erst mal eine Chance haben, etwas zu tun, arbeiten zu gehen oder ein Praktikum zu machen, oder ähnliches.

„To be a refugee is not something that anybody selects. No, in just one day you can be a refugee. To be in this condition we have today, no right to job, no right to everything, people of society are fighting because of us. They don´t want do see us, so people are saying send them back, so people are saying they take their job, so people are saying they are criminal, also people who don´t know … it can be happen to anybody …. The Germans can think back, it´s not their choice, what happened to Germans back, they find themselves in this condition. They have to remember back, what has happened, because it is not anybody’s choice, to be a refugee. Some lost their parents, some lost their family, some they have nobody anymore, some lost their kids, everybody lost what they worked for for many years, they lost their house they built for many years, you see, this is something that is supposed to be clear to anyone. Because it is not our choice to be as we are today.“

Bashir Zacharia, Nigeria, Flüchtling vom Oranienplatz

LIVEBOAT CHAPTER V
LIVEBOAT CHAPTER V

Installation
Installation

2015 – 2017

Fotos: Katharina Behling

Material: Boot aus Luft und Folie, Sound Installation mitHomers  Odyssee und Ausschnitte von aktuellen Flüchtlingserfahrungen
Material: boat of airy plastic pipes, sound installation with multilingual extracts from Homer’s Odyssey as well as fragments of refugee experiences

Weitere Informationen zu LIVEBOAT CHAPTER V siehe unter › AUSSTELLUNGEN