BEWEGE

Neukölln war schon immer ein raues Pflaster und das nicht nur wegen der grauen holperigen Pflastersteinstraßen. Nun ist Neukölln quasi »in« geworden und zieht permanent neue Leute an. Sie bringen Ideen mit, sind couragiert, schaffen Kunstprojekte und eröffnen Läden, Cafés, Galerien usw. Dadurch verändert sich das Straßenbild, die Vielfalt wird zusehends bunter.

Gleichzeitig engagieren sich immer mehr Menschen und versuchen mit Einsatz und Kreativität die sozialen Probleme zu lösen. Das ist nicht einfach und erfordert viel Courage und Durchhaltewillen, zumal der Ausgang oft ungewiss ist.

Im Kirchraum der Herrnhuter Brüdergemeine bilden graue Pflastersteine aus Papier einen Weg im Mittelgang und die Stufen hinauf. Gegen Ende des Wegs sind in 20 Steinen Lautsprecher eingearbeitet, aus denen auf Knopfdruck jeweils eine Originalstimme von dem Besitzer einer Galerie, eines Cafés, eines Kunstprojekts oder einer sozialen Einrichtung zu hören ist. Zudem sind erst vereinzelt, dann vermehrt farbige Erkennungsmerkmale zu sehen. Sie leuchten, bilden am Ende ein buntes Mosaik und zeigen, wie mit Kreativität, Willen und Mut aus einem grauen Stadtteil ein bunter wird.

Mein Name ist Elisa. Ich arbeite hier in diesem Atelier seit mehrere Jahre und ich habe letztes Jahr mit meiner Freundin Camilla den Laden aufgemacht. Vorher war nur eine ehemalige Nähbude und wenn ich Nähbude meine, dann mein ich wirklich Nähbude. Das war nur ein Raum für eine gemeinsame Schneiderei und alle anderen sind weggegangen und wir sind geblieben. Und dann haben wir alles mit der Zeit renoviert, sind wir beide hiergeblieben mit zwei verschiedenen Label in dem gleichen Laden. Wir unterstützen uns gegenseitig, aber jede hat ihre eigene Kollektion und entwirft ihre eigenen Sachen hier, schneidet hier zu und Camilla näht alles noch selbst und ich mittlerweile kann ich mir leisten, die Sachen weiterzugeben. Wir haben nicht wirklich für Neukölln entschieden, Neukölln hat uns gesucht. Und ist es natürlich immer noch schwer, weil die Kaufkraft hier also ein bißchen fehlt. Es ist natürlich nicht Mitte, es ist nicht Prenzelberg, aber ich muss sagen, langsam, langsam nach einem Jahr die Sache hat sich ein bisschen mehr bewegt und obwohl wir immer noch unterstützt werden und Leistung beziehen, es sieht so aus, dass in Sicht schon diese Unabhängigkeit erahnen kann. Also was natürlich unsere große Hoffnung ist, je schneller desto besser.
Wir hatten ja vor fünf jahren die Wiederbelebung des Schillermarktes und so bin ich wie so ein Bauchladen mit meinen Weinen und ein bisschen Feinkostartikel halt auf diesen Schillermarkt als einer der ersten dabei gewesen und habe aber danach schon gemerkt, dass also hier noch eine sehr schöne Berliner Altsstruktur an Menschen vorhanden war, auch Urneuköllner. Das war so ein bisschen back to the roots. Und habe aber sehr schnell gemerkt, dass hier viele kommunikative Menschen sind, auch junge Menschen aus ganz Europa, aus der ganzen Welt, die wahnsinnig nicht nur den Kiez, sondern auch die ganze Stadt befruchten. Ich liebe meine Arbeit und ich habe viel mit Menschen zu tun und ich habe gerne mit Menschen zu tun, es ist aber auch so, dass ich immer meine Berufung darin gesehen habe, dass weniger mehr ist, dass es um Inhalte geht, ich bin kein Preisverkäufer, ich bin ein Inhaltsverkäufer. Ich hab hier dieses Geschäft mit sehr solider Miete erwerben können und so ist der Grund, warum ich hergekommen bin.
Ich bin seit ’89 hier, ich hab diesen Laden hier mehr oder minder damals aufgebaut, das war mehr so Hardrockcafé, ich hab daraus ein modernes Café gemacht. Ja und nun mittlerweile, wir haben ja gesehen, dass Neukölln sich total verändert hat und ich muss mich ein bisschen anpassen und sehen, ob es dann eben besser wird und dass man belohnt wird, weil die Mieten sind dann höher geworden, das ist natürlich für uns hier, Leute wie ich 25 Jahre hier, ein richtiger Schlag auf den Kopf, aber dadurch, dass das eben mit diesem ganzen Ruinenleben hier in der ganzen Gegend mehr gefragt ist, müssen wir uns da ein bisschen anpassen. Daher ist es auch jetzt mit der Tapete abreißen, nackte Wände, Steinmauer etc, alte Möbel, Kronleuchter. Ja, also alt ist in. Ich habe vor drei Jahren alles neugemacht, aber dann eben hat sich Neukölln auf den Kopf gestellt, das war ja wahnsinnig, wie aus dem Nichts, aber man muss ja an sich denken, leben, kostendecken, ja und die Vermieter warten ja auch nicht bis wir irgendwie von alleine kommen, sondern die wollen immer die Kohle sofort. Man muss eben Änderungen treffen, das ist auch Investition die man nicht aus der Spardose rausholt, na das ist Investition, die geht tief in die Tasche, da muss man auch zusehen, dass man auch die Miete bezahlen kann.
Ich tätowiere hier und den Standort Neukölln habe ich gewählt vor 18 Jahren, weil Neukölln von der Umgebung der Leute, halt auch dieses Image, dieses schmuddlige Image, das war halt für mich ziemlich wichtig. Durch die neu zugezogenen Biodeutschen, wie ich sie schön nenne, hat sich hier eine ganze Menge verändert. Es ist halt wesentlich teurer geworden. Es ist zwar teilweise sauberer, aber ich finde, es ist eine totale Verdrängung von Alteingessenen. Hier in der Straße wohnen fast keine Leute mehr, die in den letzten zwanzig Jahren hier gewohnt haben. Als ich angefangen habe, gab es 16 Tattoostudios, wir haben jetzt 450. Ich kann davon leben seit achtzehn Jahren und mach halt sechs Tage die Woche nichts anderes. Ich könnte auch in jedem anderen Bezirk arbeiten, bloß ich hab halt Neukölln vorgezogen, weil das einfach in Westberlin der coolste Platz war, also dieses ganze Gemisch von Ausländern und Alteingessessenen, Arbeiter, Familien war für mich det wat halt jezählt hat.
Also ich wohne hier in der Nähe und liebe die Gegend und die Menschen, die hier wohnen und deswegen war es für mich naheliegend, auch hier meinen Laden aufzumachen. Ich habe früher in der Weserstraße gewohnt, da war es etwas verpönt in der Weser zu wohnen und wenn man jetzt dahin geht, da denkt man, huch, was ist denn hier los. Na, es hat ein Laden nach dem anderen eröffnet, in der Hauptsache natürlich Cafés und Kneipen und die machen ja auch den meisten Umsatz, mit Alkohol im Prinzip. Die Mieten steigen stetig, es heißt jetzt immer, die Gegend ist begehrt, ja das ist ja auch ein bisschen gefährlich das Ganze.
Siebdruck, ich mache Siebdruck, Textildruck, das ist eine uralte Art von Druck, In mein Fall auf alle Arten von Textilien. Ich benütze eine Spezialfarbe und mit dieser Farbe ich kann drucken feine Motive, feine Linien, feine Raster. Auch Photodruck. Und das ist auch, was mir gefällt am meisten. Diese Art von Motive sind schwierig, braucht Zeit, Kopf und Kreativität. Ich möchte gerne etwas sagen über Courage. Wir sind viele kleine Läden hier in Neukölln die letzte Zeit gezogen, und machen hier ein Geschäft mitten in Neukölln. Ja wir brauchen Courage. Aber ich denke, mehr Courage muß man haben als Inhaber eine kleine Geschäft nach vorne schieben gegen diese großen Immobilienfirmen, wo jedes Jahr die Miete machen sehr hoch, und wir können nicht mehr halten das. Meine Siebdruckerei ist seit vier Jahren hier in der Richardstraße. In dieser Zeit wechselten zweimal die Hausbesitzer und dreimal die Hausverwaltung und jedes mal meine Miete war teuer. Die Gewerbemiete können kleine Unternehmer in kurzer Zeit nicht mehr bezahlen. In weniger als fünf Jahren bestimmt viele von die kleine Geschäfte, die müssen raus aus Neukölln und noch weiter draußen von der Stadt etwas machen oder zumachen. Ich rede viel über die Miete, weil das ist eine große Problema für die kleinen Geschäfte. Was wird passieren, wenn wir in zwei Jahren, mein Vertrag endet in zwei Jahren, ich muß los von hier und neuen Bezirk suchen und neue Miete und neuer Anfang. Ich denke, das ist nicht fair und für das braucht man Courage, wenn man will weiterarbeiten.
Wir sind so ein kleines gemütliches Café, wo wir halt so verschiedene Sorten von Essen anbieten, Kuchen, Limonaden, halt selbst gemachte Sachen. Wir sind erst seit vier Monaten hier, es läuft langsam, langsam an, die Leute freuen sich, dass endlich wieder etwas Buntes in Neukölln passiert, mal was anderes, mal was schrilles, etwas leicht ausgefallenes, was einfach nicht zur Straße passt. Und deshalb haben wir versucht zu sagen, ok, die Leute, die hier wirklich in Neukölln wohnen und hier auch gerne bleiben möchten, und nicht unbedingt eine halbe Stunde unterwegs sein möchten, bis sie einen vernünftigen Kaffee bekommen, sind wir das Risiko eingegangen, und haben gesagt ok, wir probieren es aus und da ich auch selber ein Jungunternehmer bin, habe ich gesagt ok, ich bin jetzt kreativ, ich versuchs jetzt mal. Ich wollte sowieso in einem Bezirk aufmachen, in den ich nicht reinpasse und dieser Laden passt einfach nicht in die Karl-Marx-Straße. Ich wollte halt der eye catcher der ganzen Straße werden und das war auch mein Ziel gewesen.
Angefangen habe ich vor 25 Jahren hier in der Weserstraße. Es war natürlich Horror vor 25 Jahren, da wir angefangen haben und uns spezialisiert haben auf Travestie oder – überhaupt auf Unterhaltung. Jetzt die letzten paar Jahre haben wir das mit Freude zur Kenntnis genommen, dass der ganze Kiez aufwärts geht, also, es kommen andere Leute rein, es sind viel Ausländer, also Amerikaner, Franzosen, unser Publikum sind Dänen, Holländer, also was hier so rumrennt und ich finde das sehr schön. Das Theater ist wirklich seit einem Jahr ausverkauft oder die meiste Zeit ausverkauft und deswegen mache ich mir gar keine Sorgen. Früher wenn ich auf die Straße gegangen bin mit den beiden Hunden, dann war da immer so ein Blick nach rechts und nach hinten, was läuft hinter dir, was ist da; und das hat sich inzwischen so gelegt, dass gar nichts mehr passiert.

Neukölln was always a rough neighbourhood and not only because of the state of the streets. Now it’s “in” and attracting new people all the time. They bring their ideas, they’re bold, they create art projects and open stores, cafés, galleries, and the like, transforming the streetscape: diversity is becoming more and more diverse.

At the same time, more and more people are tackling social problems with commitment and creativity. This is not easy and calls for a great deal of courage and perseverance with uncertain outcome.

In the Moravian Church, grey paving stones made of paper form a path along the central aisle and up the stairs. Towards the end, loudspeakers have been built into 20 of these stones: the press of a button gives voice to people who run a gallery, a café, an art project, a social institution. Also to be seen are a clustering number of characteristic features, forming a colourful concluding mosaic, showing how, with creativity, determination, and courage, a grey district takes on colour and diversity.

BEWEGE
MOVE

Raum Installation
Room installation

2014

Fotos: Hadmut Bittiger

Material: Handgeformte Papiersteine, Lautsprecher, Interviews
Material: paper paving stones, speakers, interviews

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